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Durchs Schlüsselloch schauen

Der Blick durchs Schlüsselloch. Als Kind haben wir ihn geliebt. Vor allem am Heiligabend. Da durften wir nicht mehr ins Wohnzimmer. Aber es gab ja noch ein Schlüsselloch. Und da haben wir uns davor gedrängelt. Um wenigstens noch einen kleinen Blick zu erhaschen.
Was ich damals gesehen habe, weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, nicht mehr warten und endlich was sehen zu wollen.
Dieses Gefühl gibt es ja nicht nur an Weihnachten. Diese Sehnsucht, die Ungeduld.
Wie lässt sich Wartezeit verkürzen? Wie kann man vorher schon einen Blick erhaschen? Gerade in schweren Zeiten fragen viele: Wann hört die Belastung endlich auf? Wann wird es endlich besser, leichter? Ist denn etwas Gutes in Sicht?
Schlüssellöcher geben den Blick frei. Und sind durchlässig für die Sehnsucht und Hoffnung.

Für mich ist der ganze Advent so eine Art Schlüsselloch. Er lädt uns ein, zu suchen, worauf wir hoffen. Einen Blick zu ergattern, wonach wir uns sehnen.

Worauf richtet sich Ihre Hoffnung, Ihre Sehnsucht im Advent? Ich hoffe auf Begegnungen, die gut tun. Ich hoffe darauf, mehr Zeit zu haben für das, was wirklich wichtig ist.
Und ich hoffe auf Gott, dass er kommt als Mensch unter den Menschen.
Und dass es anders wird in der Welt. Kein Krieg mehr, endlich Frieden.
Menschen, die hungern, werden satt und wir kümmern uns umeinander, gerade auch um die Schwächeren.

Advent ist die kurze Zeit, der kleine Ausschnitt, durch den wir jetzt schon eine Ahnung, einen Vorgeschmack davon bekommen. Und damit anfangen können, etwas zu verändern.
Als Kinder haben wir durch das Schlüsselloch immer viel zu wenig gesehen. Und viel zu kurz.
Aber das hat uns nicht davon abgehalten, es immer wieder zu versuchen. Und uns darauf freuen, dass irgendwann die Tür aufgeht und die Erwartung sich erfüllen wird.
„Siehe, es kommt die Zeit…“ (Jeremia, 23,5)

Noch ist es nicht soweit. Ich glaube, dass dieses Ziel immer vor uns liegt. Es will sich von uns suchen lassen, es will in unserer Vorstellungskraft lebendig sein.
Aber bis dahin sollten wir ihn immer wieder wagen, den Blick durchs Schlüsselloch.
Vielleicht wird dann auch eine neue Richtung des Denkens und Hoffens aufbrechen.

Pfarrer Heinz Frantzmann, Auf ein Wort!, Rheinische Post 08.12.2017

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