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Was ist im Leben eigentlich wirklich wichtig?

Almut begleitet fremde Menschen in ihren letzten Stunden vor dem Tod. Was sie dazu brachte, sich zu fragen, was im Leben eigentlich wirklich wichtig ist. Wie es aussieht lässt uns die Nähe zum Tod mehr über unser eigenes Leben nachdenken. Wer kennt es nicht: man ärgert sich tierisch über den Chef, Partner, Freunde oder die Familie, doch meistens dreht sich alles um Kleinigkeiten. Almut erzählt mir davon, wie sie durch die Arbeit im Hospizdienst gelassener geworden ist und besser differenzieren kann, ob es sich wirklich lohnt sich zu ärgern oder eben nicht.

Von der Feel-good-Managerin zur Sterbebegleitung

Hauptberuflich ist Almut in einer Kölner Werbeagentur verantwortlich für das Übersetzungsmanagement und als Feel-good-Managerin tätig. Zugegeben, ich hatte auch keine Ahnung was das ist, obwohl ich schon wirklich viele lustige englische Berufsbezeichnungen gehört habe. Jetzt aber weiß ich auch, dass eine Feel-good-Managerin für das gute Klima im Team sorgt und sich eben alle „gut fühlen“ (engl. feel good). Hierzu zählt vor allem aufkommende Probleme oder Differenzen im direkten Miteinander zu klären, damit es zu bestmöglichen Ergebnissen kommt. Eine wertschätzende Kommunikation zu fördern gehört ebenso dazu, wie die Organisation eines Grillfestes oder die T-Shirts für einen Firmenlauf zu entwerfen. Sie sagt „feel good fängt bei einem selber an“ und genau deswegen scheint sie so perfekt in den Hospizdienst zu passen. In den letzten Tagen und Stunden von Sterbenden sorgt Almut ganz einfach dafür, dass sich die Person angenommen fühlt und Zuwendung erhält. Stille und Würde sind die Säulen auf die Almut ihren Besuch stützt. Wenn die Situation es (noch) zulässt, liest sie gerne etwas vor oder spielt dessen Lieblingsmusik. Die Hauptsache ist, dass der Sterbende nicht alleine ist. Wenn der Tod eingetreten ist, nimmt auch Almut Abschied von der Person. Ich habe ein unwohles Gefühl bei der Vorstellung, welches mir aber schnell von Almut genommen wird. Sie ist zwar im Moment des Sterbens traurig, allerdings überwiegt danach ein schönes Gefühl, dass die Person nicht alleine sterben musste. Nichtsdestotrotz ist und bleibt Sterben eine individuelle Extremsituation, für den Sterbenden wie auch für die, die bleiben. Es ist traurig, schmerzhaft und schwer loszulassen, aber genau deshalb muss man darüber reden können.

„How lucky I am to have something that makes saying goodbye so hard“ – Winnie Puuh

Übersetzt heißt dieses Zitat von Winnie Puuh, wie schön es doch ist, jemanden zu haben, der es so schwermacht, auf Wiedersehen zu sagen. Als Almut mir dieses Zitat nannte, um mir zu erklären, wie sie den Tod empfindet, sah ich die andere – weniger traurige – Seite des Sterbens. Auch wenn Abschied schwerfällt, sollten wir gleichzeitig glücklich darüber sein, wie viel Zeit man miteinander verbringen durfte. Almut möchte das Thema Sterben mehr in den Alltag integrieren, um Betroffenen die Möglichkeit zu geben über ihre Ängste und Sorgen zu sprechen. Sie empfindet es wie ein Tabuthema, über das niemand gerne sprechen möchte. Trotzdem ist es ein Teil unseres Lebens, dem keiner von uns ausweichen kann. Warum sprechen wir also so ungern darüber? Möglicherweise weil es sehr schmerzhaft sein kann. Wenn ein Baby geboren wird feiern wir Babypartys, Freunde gehen zum „Babypinkeln“ –  über den Anfang des Lebens spricht jeder gerne. Derjenige/diejenige um den es dabei geht bekommt von all dem am wenigsten mit. Almut macht mich darauf aufmerksam, dass es bei Sterbenden meist keinerlei derartige Traditionen gibt, obwohl die Person diesmal alles wahrnimmt. Warum nicht auch über das Ende sprechen, statt es zu verdrängen und damit auch den Sterbenden mit seiner Angst alleine zu lassen? Wenn Loslassen und Abschied gut gelingen, hilft das beiden Seiten.

Entscheidend für ihre ehrenamtliche Tätigkeit war unter anderem der Tod ihres Vaters und vor allem die dabei erfahrene, unglaublich entlastende Hilfe durch den ambulanten Palliativdienst. Sie stieß in der Zeitung auf die Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizbegleiterin der Diakonie. Hier wurde sie in 120 Stunden auf die verantwortungsvolle Aufgabe, Menschen am Lebensende zu begleiten, vorbereitet. Zusätzliche absolvierte sie die Ausbildung zur Kursleiterin „Letzte Hilfe“ im April diesen Jahres. Diese Kurse werden immer von einer Fachkraft (Palliativarzt oder Pflegeleitung) und eben einer Ehrenamtlichen gegeben.

Das Gespräch mit Almut brachte mich dazu, wieder mehr darüber nachzudenken, welche Menschen ich schätze und worüber ich mich eigentlich völlig schwachsinnig ärgere. Ich teile ihre Meinung, dass wir mehr über den Tod sprechen sollten, damit die Angst davor weniger wird und man dadurch sein Leben mehr genießen kann. Sie vermittelte mir den Tod als etwas Natürliches und plötzlich fand ich es auch nicht mehr so schlimm, wie ich vor unserem Gespräch dachte („Feel-good“ also auch bei mir geglückt!).

 

Kristin Riechert

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